Gotthard Basistunnel Beton-Shuttle

7 Jahre Filmproduktion im Basistunnel – Die Gotthard-Chronik Teil 2

Teil 2: Millimeter-Männer und Sonnenbrand im Tunnel

Am 1. Juni wird der Gotthard Basistunnel eröffnet. Dieses Jahrhundertprojekt hat mein Leben in den vergangenen 7 Jahren mitbestimmt. So, wie es das Leben von Tausenden anderer Menschen täglich geprägt hat – als Planer, Bauherren, Ingenieure, Projektleiter, Monteure und Filmproduzenten. Deshalb wage ich es, meine persönlichen Erfahrungen zu berichten, in Momentaufnahmen.

10. Dezember 2010

Wir trauen unseren Augen nicht: Ein schwarzer Adler kilometertief im Gotthard Basistunnel. Auf der Brust rot-weiss-rot gestreift, flattert er kontinuierlich im Wind. Die Kolonne der Monteure aus Österreich arbeitet im Gleisbau und hat stolz das Wappen gehisst. Sie sind die ersten vorn im Tunnel, arbeiten dort, wo es nur nackten Beton gibt. Heute weht ihnen und uns eine steife Brise entgegen. Die riesigen Ventilatoren, die für die Frischluftzufuhr sorgen, drehen besonders schnell. „Bewetterung“ ist der Fachausdruck dafür, „das nervt“ ist unsere Einschätzung dazu. Wir schützen uns mit Fleece-Jacken vor der Zugluft, abends haben wir allerdings einen Sonnenbrand im Gesicht. Die Luft ist voll kleiner Staubpartikel, die durch die Bewetterung beschleunigt durch die Röhre fliegen. Das Bombardement hinterlässt seine Spuren auf unserer Haut und überall auf der Technik. Es ist sehr, sehr warm im Tunnel, hervorgerufen durch den Druck von 2000 Metern Gestein über uns. 40 Grad herrschen normalerweise in den Tunnelröhren. Ohne Bewetterung könnte hier niemand arbeiten, aber selbst mit Tunnel-Klimaanlage fällt die Temperatur nie unter 25 Grad, dazu kommt die staubtrockene Luft. Ein paar Liter Trinkwasser pro Mann nehmen wir mit auf jede Schicht. Zu unserer Sicherheits-Ausrüstung gehören nicht nur Helm – ja, auch für den Kameramann – Sicherheitsschuhe und Baustellenbekleidung. Jeder von uns trägt auch einen Sender mit sich. So sehen die Männer in der Leitstelle genau, wer sich wo im Tunnel bewegt. Für den Notfall hat man uns auch den Selbstretter erklärt, den wir in einem Rucksack mitschleppen und der die Antwort auf die Frage ist: Was tun, wenn 20 Kilometer entfernt vom Tunnelausgang ein Brand entsteht…

23. Juni 2012

Überhaupt: Dieser Berg und dieser Tunnel verlangen jeden Tag 100% Konzentration und – das liest sich jetzt wirklich sperrig, muss aber so eingeleitet werden – Demut vor den Regeln. Niemals oben auf den Kopf der Schiene treten – man knickt schnell um und hat den Fuss in Gips. Schon passiert. Niemals mit dem Handy am Ohr Baustellen-Gleise überqueren – Loks sind leiser als man denkt. Schon gesehen. Und: Dieser Berg verlangt Einfühlungsvermögen und Demut von den Mitarbeitern und Ingenieuren, die jetzt hier leben. Kleine Schweizer Orte verwandeln sich rasend schnell in eine multinationale Gemeinde. Manche Deutsche leben inzwischen so lange in der Nähe der Baustelle am Basistunnel, dass sie sich eine Rückkehr nicht vorstellen wollen. Schweizerwerden kann man wahrscheinlich nicht ganz bewältigen, aber es gibt Möglichkeiten …

6. März 2013

Die Millimeter-Männer haben heute Zeit zu reden. Manche von Ihnen sehen wir in vielen Schichten im Basistunnel, aber kennen gelernt haben wir sie noch nicht. Das soll sich jetzt ändern. Georg Jaffke und Sebastian Reimann sorgen im Tunnel dafür, dass das Gleis so liegt, wie die Ingenieure es geplant haben. 57 Kilometer in jeder der zwei Röhren, mit einer Abweichung im Zehntelmillimeter Bereich, fest eingegossen in Beton. Wenn sich später herausstellt, dass etwa nicht stimmt, gibt es nur eins: Raus mit dem Zeug und nochmal beginnen. Was Jaffke und Reimann hier bauen nennt sich Feste Fahrbahn. Was sie in 4 Wochen vor sich haben ist noch viel komplizierter: Sie müssen Hochgeschwindigkeitsweichen in die enge Tunnelröhre einbauen, in drei Schichten, unter enormem Zeitdruck. Diesen Mega-Job sollen sie in einem Film erzählen. Ausgerechnet sie, die bescheidenen, stillen Bauleiter, die am liebsten nicht reden, sondern handeln! Aber der Projektleiter will es so. Er will die Story der Männer im Berg als Film…

18. Juni 2013

Die Sonne im Tessin brennt, die Halle ist gerammelt voll, mehrere Hundert Gäste feiern das Bergfest. Die Hälfte der Festen Fahrbahn ist gebaut, Qualität und Genauigkeit stimmen, die Stimmung ist ausgelassen, gleich hat der Film Premiere: Mission Millimeter. Ich bin nervös. Gedanken jagen mir durch den Kopf: „Vielleicht erzählen wir doch zu langsam? Finden Lederjacken-Monteure unsere Bilder gut? Was, wenn am Ende des Films erst Stille und dann verhalten-pflichtschuldiger Applaus kommen?“ Rückblende: Regisseur, Cutter und Producer ringen seit Tagen mit dem Material, den Erzählsträngen, den wunderschönen Einstellungen vom Weicheneinbau. Langsam schält sich der Film aus dem Material heraus. Aber nur langsam. Es ist harte Arbeit. Und da ist der Gotthard wieder im Spiel. Wenn man ernsthaft in ihm und mit ihm arbeitet, verlangt er alles ab. Langsam beginnen wir zu verstehen, warum der Berg für Schweizer immer der Anfang ist. Blende zurück in die Halle: In 18 Minuten weiß ich, wie die Männer den Film finden. Ich kenne jedes Bild, muss nicht auf den Screen schauen, blicke in die Gesichter der Zuschauer, versuche Reaktionen zu lesen. Und die kommen. Aber anders als gedacht. Ich sehe Männer „mit PiPi in den Augen“, wie sie es ausdrücken, Männer die ergriffen sind. Sie sind ergriffen von dem,was sie bis zu diesem Tag geleistet haben, worüber aber die wenigsten von ihnen nachdachten. Sie sind zu bescheiden, um stolz zu sein. Aber sie lassen sich von Bildern berühren, die wahr sind und gleichzeitig die Schönheit ihrer Arbeit zeigen.

28. Oktober 2015

Durch den Basistunnel jagen Testzüge mit 250 Km/h, die Feste Fahrbahn ist fertig gestellt. Schneller als geplant, günstiger als veranschlagt und mit einer großen Auszeichnung geehrt: Dem Deutschen Project Excellence Award 2015 für herausragende Projektsteuerung und vorbildliche Kommunikation mit „Gänsehaut-Effekt“. Ich freue mich, dass wir mit unseren Filmen dazu beitragen konnten. Der Gotthard hat uns Glück gebracht.

In Teil 1 der vergangenen Woche: Jagd auf den Betonzug, Ewige Dunkelheit, Die erste Schicht.

2 Antworten
    • Holger Koenig
      Holger Koenig says:

      Lieber Michael,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Für uns war es eine tolle Aufgabe, die Arbeiten der Arge Fahrbahn zu dokumentieren und durch dick und dünn mit Euch zu gehen.
      Insgesamt haben wir 11 Awards mit den Filmen gewonnen und wir widmen sie Projektleiter Detlef Obieray, Dir und Eurem Team. Die Zusammenarbeit war vorbildlich.
      Sonst wären diese Ergebnisse nicht mal denkbar gewesen.
      Uf Wiederluege, Holger

      Antworten

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