Redaktion Journalisten und Marketer

Journalisten und Marketer: Ähnlicher als gewollt!

Old School ist das nächste große Ding [Gastblog]

Es gibt zwei Berufsgruppen, die traditionell nicht gut aufeinander zu sprechen sind, Journalisten und Marketer. Dabei haben beide Gruppen mehr Gemeinsamkeiten, als den einen lieb und den anderen bewusst sein mag. Zum Beispiel: Ein mieses Image. Und: Eine einzige Chance, in Zukunft nicht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Aber der Reihe nach.

 

Gemeinsamkeit 1: Beide Berufe sind entzaubert.

Im Ranking der angesehensten Berufe landen Journalisten und Marketer regelmäßig auf den hintersten Plätzen, gerade mal noch vor Versicherungsvertretern und Politikern. Dem Selbstverständnis beider Berufsgruppen tut das keinen Abbruch. Die einen sehen sich als unverzichtbare Weltenerklärer, die anderen als smarte Verbraucherflüsterer. Da ist einiges zu optimieren bei der Selbst- und der Fremdwahrnehmung.

 

Gemeinsamkeit 2: Beide Berufsgruppen haben einen neuen Chef, den Nutzer.

Über dieses Internetz hat sich ein neuer Bestimmer in das Leben der Inhaltsanbieter geschlichen, der Nutzer. Der Nutzer ist ein ungnädiges Wesen. Wenn ihm etwas nicht gefällt, wird er zum Troll und behauptet: „Ich bin das Volk!“ Oder er bleibt einfach weg, für immer.

Journalisten und Marketer haben einen neuen Chef, den Nutzer

ems – (c) Thomas Knetsch

Gemeinsamkeit 3: Der Chef hat ADHS.

Was waren das noch für Zeiten, als es gerade mal drei Fernsehsender, ein paar Radiosender und eine Handvoll wichtiger Zeitungen gegeben hat. Da hat man mit einer Anzeige, mit einem Beitrag gleich tausende von Menschen erreicht. Und heute? Da gibt es hunderte von Sendern und Mediatheken, es gibt YouTube und dieses Facebook. Kein Wunder, dass der Chef zwischen knalligen Überschriften und bunten Bildern hin- und herspringt wie ein hyperaktiver Teenie mit Aufmerksamkeits-Störung. Mit Ausdauer und Treue hat er´s gar nicht mehr.

 

Gemeinsamkeit 4: Der Chef macht´s sich selbst.

Manche Journalisten und Marketer geben sich inzwischen mehr Mühe als früher, aber auch sie können den Chef nicht davon abhalten, immer öfter selbst den Weltenerklärer und Verbraucherflüsterer zu spielen. Er schreibt Buchrezensionen bei Amazon, kommentiert das Weltgeschehen bei spiegel.tv und veröffentlicht halbe Reisereportagen bei ab-in-den-urlaub.de. Bei Facebook und Twitter führt sich inzwischen jeder wie ein Influencer auf. Das Geschäftsmodell der hauptamtlichen Inhaltsanbieter und Einflussnehmer ist ramponiert.

 

Gemeinsamkeit 5: Journalisten und Marketer sind käuflich.

Journalisten sehen gern auf Marketer herab, weil die ja ihre Texte, Bilder und Infos gegen Geld verbreiten und nichts anderes sind als die Stimme ihrer Herren. Ja und?

Marketer geben im besten Fall Unternehmen, Verbänden und Menschen eine Stimme, die etwas Sinnvolles anzubieten haben, aber keine Kommunikations-Profis sind. Weswegen sollten sie das unentgeltlich tun? Und auch Journalisten arbeiten ja nicht ehrenamtlich. Sie brauchen das Geld und das Wohlwollen von Werbekunden und Käufern, von Politikern und Interessenvertretern. Und so finden immer wieder Beiträge Eingang in den redaktionellen Teil, die – na, sagen wir: nicht direkt aus journalistischen Erwägungen heraus entstanden sind.

Journalisten und Marketer sind Getriebene

ems – (c) Thomas Knetsch

Gemeinsamkeit 6: Journalisten und Marketer sind Getriebene.

Nicht genug, dass die Anbieter von Inhalten den Nutzern heute hinterjagen müssen, hinzu kommt, dass sich die Spielregeln dafür auch noch dauernd ändern. Hier ein neues Werkzeug, da ein neues Endgerät. Sehr unübersichtllich das Ganze, sowohl für Journalisten als auch für Marketer.

Also sollen sich beide Berufsgruppen gleich zusammenschmeißen, gegenseitig ihr Leid klagen und die Sinnfrage stellen? Gemach, gemach. Es gibt ja nicht nur Gemeinsamkeiten.

Der feine Unterschied: Journalisten und Marketer verfolgen unterschiedliche Ziele. Die einen wollen die Welt möglichst wirklichkeitsgetreu beschreiben, die anderen die Wirklichkeit im Sinne ihrer Auftraggeber in ein eigenes Licht setzen. Beides ist legitim, und beides kann nützlich sein. Aber beides funktioniert in Zukunft nur noch dann, wenn Journalisten und Marketer dem Chef nicht länger mit hohlen Sprüchen, halbgaren Geschichten und Lügenmärchen kommen.

Gemeinsamkeit 7: Beide Berufsgruppen müssen sich ganz old school auf Relevanz und Ethik besinnen.

In Zeiten von Multimedia-Kanälen mit Kommentarfunktion und Sozialen Netzwerken kommt keiner mehr mit Lieblosigkeit und verdrehten Wahrheiten durch. Die Netzgemeinschaft spießt gnadenlos jeden Fehler auf, prangert Widersprüche an und straft jeden ab, der Zeit stiehlt und Unfug behauptet.

Wer heute professionell Inhalte herstellt und verbreitet, muss sich mehr noch als früher fragen: Was bringt das dem Nutzer? Erfährt der eine wertvolle Neuigkeit? Hilft ihm das, sich in seinem Leben zu orientieren? Amüsiert ihn das, berührt ihn das? Und schafft das eine Grundlage für Sympathie und Vertrauen, damit er auch in stürmischen Zeiten zu mir hält?

Journalisten und Marketer verkaufen heute „Storytelling“ als großes Ding. Das ist ein hübscher neuer Begriff – und in Wahrheit ein alter Hut, weil Storytelling nichts anderes ist als die Besinnung auf lang vernachlässigte Tugenden.

 

Mein persönliches Fazit: In diesem Internetz kann heutzutage grundsätzlich jeder seine Stimme erheben und eine Welle oder einen Sturm auslösen. Langfristig Erfolg haben aber nur Anbieter, die verlässlich relevante Inhalte liefern und sich durchgängig ethisch einwandfrei verhalten.

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Titelbild: ems - (c) Raphael Knop

Michael Neugebauer arbeitet leidenschaftlich gern für Professionalität, Relevanz und Ethik, auf allen Seiten.
Er ist Fortbildungsleiter der Medienschule ems. Das Kerngeschäft ist die Ausbildung von journalistischem Nachwuchs.
Heutzutage sind im Marketing-Bereich vergleichbare Fähigkeiten gefragt und aktuell dringend gesucht. Die ems bietet mit Start am 2.Mai 2016 zum ersten Mal ein einjähriges Traineeprogramm für Content Marketing Producer an, unterstützt vom Fachverband content marketing forum cmf und in Zusammenarbeit mit namhaften Agenturen.

 

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