Beiträge

Der Klang des Gotthard hat sich mit dem Gotthard Basistunnel verändert

Der Klang des Gotthard

 

Liebeserklärung an einen Tunnel

Die Kette quietscht. „Heute Ruhetag“ verkündet das Schild am Hotel in Arth-Goldau. Ruhetag! Heute! Am Tag der Eröffnung. Über den Hintereingang geht’s dann doch in die Gaststube. Ob ich auch käme wegen des Gotthard, fragt mich die Wirtin. Der Enthusiasmus meiner Antwort steht in krassem Gegensatz zu ihrer Unaufgeregtheit. Man könnte den Eindruck haben, „die Dütsche“ begeistern sich mehr für das Projekt als die Schweizer selbst, zumindest hier im Kanton Schwyz. Aber das ist ein Irrtum.

Am nächsten Morgen taucht der Regen den Weg zum Bahnhof in einen Spraynebel. Gleich geht es los, gleich steige ich in den Zug, gleich fahren wir nach Süden, durch den Gotthard Basistunnel.
Was soll schon sein? 20 Minuten bei Dunkelheit durch eine Röhre fahren, was ist daran faszinierend? Die Geschwindigkeit? Die Machbarkeit?

 Altdorf

Der Klang der Röhre

Im Zug um mich herum befinden sich Menschen, die am Bau des Tunnels beteiligt waren. Sie alle waren schon drin, kennen den Staub dort und diesen sphärischen Ton. Ja, wirklich, der Gotthard hat einen eigenen Klang. Den konnte man während des Ausbaus hören, wenn man sich weit weg genug von Maschinen und Menschen der Transtec Gotthard bewegte. Wenn niemand sich regte, baute er sich der Ton langsam auf: ein kontinuierliches, bassiges Vibrieren der Luft. Man hörte in diesem Klang die Ewigkeit des Gesteins und erfuhr in diesem Moment, dass der Tunnel ein Nichts ist, im Vergleich zum Berg. Dann spürte man die Größe des Projektes und die eigene Bedeutungslosigkeit.

 

Der Klang des Zuges

Der Klang des Tunnels ist heute anders. Laute Gespräche, Lachen und Fachsimpeln füllen die Luft im Großraumwagen der SBB. Unser Zug nähert sich dem Nordportal. Dort gibt es einen Fahrbahnwechsel: vom Schottergleis auf eine, wie sie es nennen, Feste Fahrbahn. Diese Fahrbahn ist ein Schienenband von Weltklasse, in Beton gegossen, so genau wie kein anderes. Gleich fährt der Zug in die Röhre. Gibt’s dann einen Knall? Nein. Spürt man Druck bei der Einfahrt? Nein. Statt dessen ertönt Applaus von Frauen und Männer um mich herum, die stolz sind auf ihren Beitrag zum Gelingen. Neben mir sitzen Experten für Telekommunikation und messen die Stärke des Mobilfunknetzes. Sie wollen den Beweis erneut haben, obwohl die Funktion schon viele Male überprüft wurde. So sind die Leute hier, sie leben ihren Beruf. Ich sende ein Video-Tweet mit LTE-Geschwindigkeit aus einem Zug mit Hochgeschwindigkeit in die digitale Welt. Beeindruckend.

Der Klang des Projektes

Der Klang des Gotthard ist heute hypnotisch, wenn man sich von der Aufregung der Passagiere entfernt. Genauso wie das Bild, das man sieht. Danke Simon Geisler für das Wort. Die Lichtstreifen rühren von runden Lampen der Notbeleuchtung, verwischt durch die Geschwindigkeit des Zuges. Der wird dann langsamer, wir erreichen Bodio, alles aussteigen, fertig. Mein erster Gedanke: „So schnell? Und dafür der ganze Aufwand? Dafür Milliarden und 17 Jahre Bauzeit?“ Exakt. Dafür. Für unglaublichen Fahrkomfort, als ob der Zug schwebt.
Der Kontrast: Während ich diesen Blog schreibe, schraubt sich der Interregio weiter zum Gotthard-Scheiteltunnel hoch, in jeder Kurve rutscht mein Notebook zur Seite.
Und soviel Aufwand für Geschwindigkeit und Naturschutz. Der Klang des Gotthards ist eben auch der ungeheure Lärm von Güterzügen und 40-Tonnern auf der Straße. Die werden, jedenfalls zum größten Teil, in den Tunnel verbannt.

 

Der Klang des Dankes

Diejenigen, die um mich herum im Festzelt sitzen, schätzen Ernsthaftigkeit wenn es um ihre Arbeit geht. 2000 Planer, Ingenieure, Monteure und Projektverantwortliche haben die vergangenen Jahre mit und im Tunnel verbracht. Ihre Aufgabe war, so genau wie möglich zu arbeiten, damit nichts Unvorhergesehenes geschieht, bei Tempo 250 in der Röhre. Sie sind dabei bescheiden geblieben und freuen sich, als ein Gerücht die Runde macht: Die Doris kommt! Gemeint ist Doris Leuthard, Bundesrätin für Verkehr, die Schweizer Verkehrs-Ministerin. Sie war gestern schon am Gotthard, begleitete die Staatsgäste bei der offiziellen Eröffnung. Jetzt bedankt sie sich: schnörkellos, authentisch, in Schwyzerdütsch. Und dann hört man einen neuen Klang am Gotthard: Standing ovations für eine Ministerin, von Menschen, die Danke sagen fürs Dankesagen.

Der Klang des Gotthard

Der Klang des Gotthard, das sind auch die Wasserfälle direkt am Bahnhof von Biasca. Wer in Zukunft schnell von Mailand nach Zürich fahren will, wird ihn verpassen. Ebenso das Schleifgeräusch der Waggonräder auf den Schienen der Wendetunnel, wenn sich der Zug bei Giornico mühsam in die Höhe schraubt. Das muss man mögen wie das Kratzen von Vinyl-Schallplatten, in Zukunft nur noch ein Genuss für Liebhaber. Ich werde ihn vermissen und freue mich gleichzeitig auf die  schnelle Verbindung nach Mailand. Bald von Zürich aus in gut zweieinhalb Stunden. Ein neuer, cooler Klang.

 

Gotthard-Basistunnel_Südportal

Behind the Scenes – Koenigsfilm im Gotthard Basistunnel

Heute wird der Gotthard Basistunnel eröffnet.

Unser international mit Awards ausgezeichnete Film „Mission Millimeter“ erzählt die Geschichte von zwei Bauleitern am Gotthard Basistunnel. Ihre heikelste Aufgabe war der Einbau von Hochgeschwindigkeitsweichen in die engen Tunnelröhren unter enormem Zeitdruck. Regisseur Martn Bondzio und Produzent Holger Koenig beschreiben was hinter den Kulissen geschah, um diesen Film unter extrem ungewöhnlichen Bedingungen herstellen zu können.

Wie kommt die Weiche in den Tunnel?
Eine von vielen Fragen, die Regisseur Martn Bondzio im Film „Mission Millimeter“ dokumentieren durfte.
Zur Eröffnung des #Gottardo2016 erzählt er von den ungewöhnlichen Arbeitsbedingungen und spannenden Erlebnissen im längsten Eisenbahntunnel der Welt.

 

 


Ein besonderer Film für ein besonderes Projekt:
Holger Koenig – Produzent von „Mission Millimeter“- mit einem ganz persönlichen Rückblick auf die Dreharbeiten im Gotthard Basistunnel.

Die Belohnung für all die Mühen kommt morgen: Holger Koenig darf um 11:30Uhr als einer der ersten durch den heute eröffneten Gotthard Basistunnel mitfahren.
Von diesem einmaligen Erlebnis erzählt er am Freitag. Hier im Blog.

 

 

Sie möchten immer informiert sein?
Unsere wöchentlichen Blogbeiträge jetzt abonnieren:

 

 

 

Koenigsfilm am Gotthard-Basistunnel

7 Jahre filmen im Tunnel – Die Gotthard-Chronik

Teil 1: Jagd auf den Betonzug und ewige Dunkelheit

Am 1. Juni wird der Gotthard Basistunnel eröffnet. Der längste Eisenbahntunnel der Welt hat Tausende von Menschen beschäftigt – als Planer, Bauherren, Ingenieure, Projektleiter, Monteure und auch als Filmemacher. Ohne Übertreibung: Der Gotthard hat mein Leben in den vergangenen 7 Jahren mitbestimmt. Deshalb wage ich es, meine Erfahrungen mit dem Gotthard zu berichten. Heute und in einer Woche mit dem zweiten Teil.

28. September 2009
Regentropfen werden zu silbernen Streifen, der Fahrtwind zieht sie horizontal über die Scheiben. Unser Zug hetzt über das Gleis, Ziel ist Paris. Im Bordbistro stapeln sich Lichtkoffer und Stativtaschen. Wir sind auf dem Weg zu einer Fabrikhalle. Von diesen Hallen gibt es Millionen auf der Welt, aber nur eine, in der etwas gebaut wird, was es vielleicht nie wieder geben wird: ein Betonzug. „Hört sich simpel an, ist es aber nicht!“ Mit diesem Satz leitet Projektleiter Detlef Obieray unser Meeting ein. Obieray ist Ingenieur. Ein offener, sympathischer, zielstrebiger Mann mit dem Glauben an Ziele und die Wirkung guter Kommunikation. Deswegen will er den Film. Man hat ihm davon abgeraten: zu kompliziert, bringt nichts, kostet nur Geld. Nach Fertigstellung des ersten Films werden sie uns anrufen und sagen: „Wir wollen genau das, was er hat!“ Obieray weiss: Ein best-practice-Film zu diesem Jahrhundertprojekt wirkt nach Außen und nach Innen. Am Tisch des Bordbistros im TGV auf dem Weg nach Paris bekritzeln wir Servietten, entwickeln, verwerfen, und uns beiden ist klar: Dieses Filmprojekt wird uns noch Jahre beschäftigen.

IMG_6319l

Gelb, gelb, gelb. Wohin man sieht: gelbe Waggons. Und Schweiss. Und Schweissgeräte. Männer mit tätowierten Oberarmen, in Overalls, mit Schutzbrillen, und – alle tragen einen Helm. Daran kommt hier keiner vorbei. Auch nicht der Kameramann. Sie nennen es „Zero Harm“. Eine Kampagne, die Unfallrisiken minimieren soll. Wir stellen uns darauf ein, bauen für den Tonmeister einen Kopfhörer passgenau in den Helm ein. Hier also wird das Monstrum gefertigt – insgesamt 500 Meter lang, ein Betonwerk auf Rädern. In Einzelteilen steht er da. Unbegreiflich, wie diese Waggons eines Tages frischen Beton im Tunnel produzieren sollen. Für die Ingenieure von Balfour Beatty Rail und Alpine ist das keine Frage.

26. November 2009
Wir können das natürlich, schnell einen Dreh organisieren. Im November 2009 ist es allerdings sehr knapp. Wir müssen wieder nach Frankreich. In 24 Stunden werden die Waggons des Zuges auf die Chassis gesetzt, um sie dem drohenden Zugriff französischer Behörden auf den Hersteller zu entziehen.
Filmisch gesehen keine Riesenaufgabe, dokumentarisch aber ein must-have. Niemand von uns kann gut genug Französisch sprechen, um der Kran-Crew zu erklären, welche Bilder wir brauchen. Da die Herren sich aber ohnehin mit Zeichensprache verständigen, übernehmen wir das Vokabular. Zeigefinger zum Himmel, drehende Handbewegung: Anheben! Handflächen flach ausgestreckt und mehrfach überkreuzen: Stopp!

17. März 2010
Wir fühlen uns wie Tierfilmer. Wir liegen auf der Lauer. Leider nicht im Tarnzelt bei 25 Grad, sondern auf einer viel befahrenen Brücke in Basel. Es ist kalt. Wir wissen nicht, wann er kommt. Wir wissen nur: Hier muss er durch, hier gehts zum Zoll. Der Blick von der Brücke reicht bis in den SBB-Bahnhof. Dort gibt es eine Kurve, und wenn wir dort gelbe Waggons sehen – ist es eigentlich schon zu spät! Dann erst die Kamera starten und den Record-Knopf drücken, würde uns zu viel Zeit kosten. Wir haben nur eine Kamera dabei, die den Zug auf den vor uns liegenden 1000 Metern in unterschiedlichen Einstellungsgrößen filmt, damit wir schneiden können. Jetzt müssen wir tricksen. Zwei Mann warten im Café und erholen sich von der Kälte, der dritte bleibt an der Kamera. Wir filmen mit Picture Cache. Die Kamera nimmt permanent auf, speichert aber nur die letzten zwei Sekunden. Wenn wir den Zug sehen, müssen wir nur auslösen und haben die zwei Sekunden davor auch gesichert.

18. März 2010
Zum Glück gehört der Schweizer Güterverkehr zu den bestorganisierten Verkehrsunternehmen weltweit. Das muss auch so sein, sonst würde man den Verkehr nicht reibungslos über Rampen und durch Wendetunnel zum Gotthard-Scheitelpass hinaufbringen. Stimmt: Wir sind wieder Tierfilmer, diesmal aber mit einem Timeslot für den Zug ausgerüstet. Danke SBB Cargo! Ein Zeitfenster hilft aber nicht dabei, sich in Wassen zu orientieren. Der Ort ist berühmt für seine Tunnel und Schleifen, die die Gleise hier ziehen. Unser Kameramann hat zwar den perfekten Standort gefunden, fragt aber immer wieder: „Also nochmal: Wie kann der Zug nach Süden fahren, wenn er Richtung Norden aus dem Tunnel kommt?“ Er kann. Das Geheimnis sind Spiraltunnel im Berg, durch die der Zug Höhe gewinnt. Das Ansitzen hat sich dann gelohnt. Der Betonzug erreicht den nördlichen Aufstieg zum Gotthard-Pass, fährt hinauf. Kaum noch sichtbar in der letzten Einstellung. Drehschluss.

24. Juni 2010
Der Pilot kommt aus der Nähe von Thun. Er fährt so Auto wie er fliegt: schnell und präzise, pünktlich am Set. Er wird angemessen bezahlt, mit einigen Tausend Schweizer Franken am Tag. Dafür bleibt sein Fluggerät aber länger in der Luft als alle anderen. Und das brauchen wir heute, an diesem strahlend schönen Tag in Biasca, im Tessin. Wir filmen den Betonzug an seinem Einsatzort und wir fliegen um seine Dimensionen zu zeigen. Der Pilot bringt noch einen mit: den Fotografen. Und sie haben einen Oktokopter am Start, eine Drohne mit acht Propellern. Wir produzieren hier mit einem der ersten Drohneneinsätze in der deutschen Filmproduktion und haben sicherheitshalber noch eine zweite Kamera am Boden. Aber das Drohnenteam ist Weltklasse: Dionys und Davide fliegen inzwischen Live-Bilder bei Skirennen. Hier am Installationsplatz arbeiten sie sich mit jedem Anflug dichter heran an das perfekte Bild. Deswegen zählt jede Minute, die der Akku länger hält. Schaulustige kommen, Arbeiter, Ingenieure, alle beeindruckt vom Aufwand, mit dem wir versuchen, ihre Ideen und ihre Arbeit adäquat abzubilden.

10. Dezember 2010
Der Wecker klingelt, aber das hätte er sich sparen können. Ich bin schon wach. Wie immer vor wichtigen Drehtagen schlafe ich halbstundenweise. Heute Nacht müssen wir pünktlich raus. Endlich geht es los: Unsere erste Schicht im Gotthard Basistunnel. Es ist vier Uhr morgens, nur in drei Zimmern im Hotel Nazionale in Biasca brennt Licht. Wir werfen uns in die Kluft: baustellensicherheitsrotorangene Hose, gleiche Farbe fürs Polohemd, darüber Fleece-Jacke und darüber Shell mit Reflektorstreifen. Der Kameramann hasst sie. Fällt Licht im falschen Winkel darauf, sehen Arbeiter im Tunnel aus wie verirrte Zebras im Fernlicht. Dann noch den Helm greifen. Der Installationsplatz liegt dunkel im Tal. In seinem Restaurant nah bei den Arbeiterunterkünften ist Hochbetrieb. Die 25 Männer, die mit dem Zug gleich kilometerweit in den Tunnel fahren, frühstücken wie die Wrestler: Eier, Speck, Rührei, Brote, Milch, Joghurt und Liter von Kaffee. 12 Stunden harte Arbeit liegen vor ihnen. Wir greifen auch zu, Lunchpakete müssen mit, denn es gibt kein Zurück. Wer rein fährt bleibt im Berg, bis die Schicht zu Ende ist. Umgekehrt: „Schnell mal was aus dem Kamerawagen holen“ geht nicht. Der Gotthard ist ein strenger Lehrer. Was am Ende fehlte, war genug Trinkwasser.

Früher Abend: Der Personenwagen mit der Frühschicht erreicht den Tunnelausgang. Nichts tut sich. Es bleibt dunkel. Nein, es wird noch dunkler. Die Baubeleuchtung in der Röhre suggerierte wenigstens eine Idee von Tag. Aber der ist schon lange vorbei. Wir sind einigermaßen erschöpft, voller Adrenalin und können nicht runterfahren: Diskussion um den shot-of-the-day und die Learnings für morgen. Die Männer auf der Bank gegenüber haben schon abgeschaltet. Sobald der Personenwagen sie im Tunnel aufnimmt, beginnen viele zu schlafen, andere starren Löcher in die staubige Luft. Für uns ist es heute Abend nur mit Duschen nicht getan. Unser Equipment braucht Pflege. Der Staub ist Gift für die Elektronik. Das Hotelzimmer wird zur Werkstatt. Dann packen wir und bereit uns vor für Morgen: den nächsten Drehtag im Gotthard Basistunnel. Zwei liegen noch vor uns. Der Respekt für die Arbeiter, die das 10 Tage am Stück und über mehrere Jahre hinweg durchziehen, ist gewaltig.

In Teil 2 in der kommenden Woche: Die Millimeter-Männer, Schweizerwerden, Sonnenbrand im Tunnel, Die Gotthard-Umarmung, Excellence-Award.